Redaktioneller Hinweis: Dies ist ein Bildungsartikel darüber, wie Pflichtwandelanleihen (Contingent Convertibles, kurz CoCo-Anleihen) allgemein funktionieren. Es handelt sich um allgemeine Informationen, nicht um Anlageberatung, und der Text beschreibt kein konkretes aktuelles Ereignis, kein bestimmtes Unternehmen und kein bestimmtes Wertpapier.

Es gibt Anleihen, bei denen Anleger im Ernstfall nicht etwa einen Teil ihres Kapitals verlieren, sondern buchstäblich von null auf null fallen können, während die Aktionäre derselben Bank noch etwas behalten. Das klingt paradox, schließlich gelten Anleihen traditionell als sicherer als Aktien. Bei einer bestimmten Gattung von Bankanleihen ist genau das jedoch vertraglich vorgesehen. Wie kann ein festverzinsliches Wertpapier riskanter sein als das Eigenkapital desselben Emittenten, und warum kaufen Investoren es trotzdem?

Was eine CoCo-Anleihe von einer normalen Anleihe unterscheidet

Eine gewöhnliche Unternehmens- oder Bankanleihe ist ein Kreditvertrag: Der Anleger leiht Geld, erhält dafür regelmäßige Zinsen und am Ende der Laufzeit den Nennwert zurück. Gerät der Emittent in eine Insolvenz, stehen Anleihegläubiger in der Rangfolge der Forderungen grundsätzlich vor den Aktionären, die als letzte an der Reihe sind und häufig leer ausgehen.

Eine Pflichtwandelanleihe, im Marktjargon meist CoCo-Anleihe genannt, wurde nach der Finanzkrise 2007 bis 2009 speziell für Banken entwickelt, um deren Kapitalpuffer zu stärken. Sie funktioniert wie eine normale Anleihe, solange die Bank finanziell gesund ist: Der Anleger erhält laufende Kuponzahlungen, die wegen des höheren Risikos meist deutlich über dem Zinsniveau klassischer Anleihen liegen. Der entscheidende Unterschied liegt in einer eingebauten Auslöseklausel, dem sogenannten Trigger. Sinkt eine bestimmte Kapitalkennzahl der Bank, etwa die harte Kernkapitalquote, unter einen vorab festgelegten Schwellenwert, greift der Mechanismus automatisch: Entweder wird die Anleihe zwangsweise in Aktien der Bank umgewandelt, oder ihr Wert wird ganz oder teilweise und dauerhaft auf null herabgeschrieben. Dieser Vorgang erfolgt ohne Insolvenzverfahren und ohne Zustimmung der Anleihegläubiger, allein durch das Erreichen des vertraglich definierten Schwellenwerts.

Warum Banken solche Anleihen begeben

Aufsichtsbehörden verlangen von Banken, ausreichend Kapitalpuffer vorzuhalten, damit Verluste im Krisenfall nicht sofort die Einleger oder den Steuerzahler treffen. CoCo-Anleihen zählen aufsichtsrechtlich zum sogenannten Zusatzkapital, weil sie diese Verlustabsorptionsfunktion erfüllen: Verschlechtert sich die Kapitalausstattung einer Bank spürbar, wird ein Teil der Fremdfinanzierung automatisch in Eigenkapital umgewandelt oder gestrichen, wodurch sich die Kapitalquote der Bank rechnerisch sofort verbessert. Für die Bank ist das ein eingebauter Stoßdämpfer, der in einer Stressphase Kapital freisetzt, ohne dass sie am Markt neue Aktien ausgeben oder staatliche Hilfe beantragen muss.

Aus Sicht der Aufsicht verlagert dieses Konstrukt einen Teil des Krisenrisikos von der Allgemeinheit auf private Gläubiger, die diese Papiere freiwillig und in Kenntnis des Trigger-Mechanismus erworben haben. Deshalb werden CoCo-Anleihen in aller Regel institutionellen Investoren und erfahrenen Privatanlegern angeboten, nicht dem breiten Massenpublikum, und viele Börsenaufsichten verlangen zusätzliche Risikohinweise oder Eignungsprüfungen vor dem Kauf.

Das zentrale Risiko: mehr als nur Kursverlust

Bei einer klassischen Anleihe drohen im schlimmsten Fall eine Herabstufung der Bonität, ein Kursrückgang oder im äußersten Fall eine Quote im Insolvenzverfahren, bei der ein Teil des Kapitals erhalten bleibt. Bei einer CoCo-Anleihe kann der Trigger dagegen zu einem sofortigen und vollständigen Wertverlust führen, noch bevor die Bank überhaupt zahlungsunfähig wird. Genau darin liegt die strukturelle Besonderheit: Der Auslösepunkt ist an eine Kapitalkennzahl gekoppelt, nicht an eine tatsächliche Insolvenz, sodass die Herabschreibung erfolgen kann, während die Bank operativ noch fortbesteht.

Zusätzlich verkompliziert wird das Bild dadurch, dass in bestimmten Rangordnungen manche CoCo-Anleihen im Verlustfall sogar vor den Aktien der Bank abgeschrieben werden können, je nachdem wie die jeweilige Emission strukturiert ist. Damit kehrt sich die übliche Rangfolge, in der Anleihegläubiger vor Aktionären bedient werden, unter bestimmten Bedingungen um. Hinzu kommt, dass Kuponzahlungen bei CoCo-Anleihen typischerweise nicht garantiert sind: Die Bank kann sie nach eigenem Ermessen oder auf Anweisung der Aufsicht aussetzen, ohne dass dies als Zahlungsausfall gilt.

Für Anleger bedeutet das: Der höhere Zinskupon einer CoCo-Anleihe ist keine zufällige Marktanomalie, sondern die Kompensation für ein Risikoprofil, das eher dem einer Aktie mit Mindestverzinsung ähnelt als dem einer gewöhnlichen Anleihe. Wer den Unterschied zwischen Kreditrisiko und Trigger-Risiko nicht versteht, unterschätzt leicht, wie schnell und wie vollständig ein solches Papier seinen Wert verlieren kann.